Text: Victoria Emanuel, Werner Kirchhoff, Jürgen
Grieschat
Fotos: Jürgen Grieschat
Erschienen auch bei Motorrad & Reisen im Heft 102.
Auf dieser Tour fährt das Team der BASECAMP OSTSEE TOURER durch Oberfranken und über die Silberstraße durch das Erzgebirge. Auf knapp 300 Kilometern im südlichen Sachsen folgt die Silberstraße dem Alten Weg des Edelmetalls aus den Bergwerken in die Städte, wo es weiterverarbeitet wurde und zum Wohlstand der Region führte.
Nirgendwo in Deutschland gebe es so viele Sachzeugen aus dem Bergbau des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit, so viele Bau- und Kunstwerke mit bergmännischem Bezug, heißt es vom Tourismusverband Erzgebirge. Und weiter: „Sie bilden eine europaweit einzigartige Kulturlandschaft, derentwegen die Region den Welterbetitel anstrebt. Die Zeugen der verschiedenen Bergbauepochen reihen sich – wie Perlen an einer Schnur – entlang der sächsisch-böhmischen Silberstraße. Auf etwa 275 Kilometern von Zwickau bis nach Dresden und grenzüberschreitend bis nach Tschechien zeigt der alte Handelsweg eindrucksvoll, wie der Alltag damals ausgesehen haben muss. Sie erzählt die Geschichte des glänzenden Metalls, das diese Region so prägte. Mühlen, Kupferhämmer, die erste Rechenschule von Adam Ries und Silbermannorgeln sind ein kleiner Teil dessen, was an Attraktionen im Erzgebirge auf wissbegierige Besucher wartet.“
Von Oberfranken nach Sachsen
Coburg -
Mitwitz - Kronach - Wallenfels - Helmbrechts -
Schwarzenbach - Rehau - Regnitzlosau -
Adorf/Vogtland - Markneukirchen - Klingenthal
- Vogelsgrün - Neidhartsthal - Langenweißbach -
Markersbach - Königswalde - Kühberg - Bärenstein
Entlang der Silberstraße:
Bärenstein -
Kühberg - Schlettau - Annaberg-Buchholz - Frohnau -
Tannenberg - Geyer - Neundorf - Wolkenstein -
Drebach - Herold - Venusberg - Zschopau -
Großolberdsdorf - Lauterbach - Pockau - Dörnthal -
Freiberg - Weißenborn/Erzg. - Walderlebnishütte in
Blockhausen - Dorfchemnitz - Sayda - Kurort Seiffen
- Holzhau
Nicht nur die Vorfreude auf den Kurvenspaß in diesem Mittelgebirge spricht also dafür, sich die Region einmal näher anzusehen. Das Hotel „Hahnmühle 1323“ in Coburg, Oberfranken, ist Ausgangspunkt der Tour. Gleich nach dem Hotel-Check-In geht es zu Fuß zum nahegelegenen „Prinzengarten“, einem typisch bayrischen Biergarten. Dort wird die Schweinshaxe vom Grill mit dem bekannten Zirndorfer Bier zum willkommenen Muss. Bekannt ist Coburg vor allem für die Veste Coburg, eine mittelalterliche Burganlage, die im Laufe der Zeit zu einer Festung ausgebaut wurde. Sie liegt oberhalb der Stadt und ist weithin sichtbar. Kein Wunder, zählt sie doch zu den größten Burganlagen Deutschlands.
Von Oberfranken nach Sachsen
Zunächst führt die Tour durch Oberfranken entlang der
deutsch-tschechischen Grenze zwischen Rehau und Muldenhammer.
Aus Coburg heraus geht es bis zur Grenze nach Thüringen. Die
Fahrer bleiben allerdings in Bayern und machen einen kleinen
Schlenker über Mitwitz nach Kronach am Fuße des Frankenwaldes.
Die Altstadt ist geprägt von wunderschönen Fachwerk-und
Sandsteinhäusern. Über der Stadt thront die „Festung Rosenberg“.
Sie ist öffentlich zugänglich und beherbergt unter anderem die
„Fränkische Galerie“, ein Zweigmuseum des Bayrischen
Nationalmuseums. Auf großartig geschwungenen Straßen geht es
immer weiter in Richtung Osten. Schwarzenbach am Wald wird dabei
südlich umfahren, die A9 gekreuzt und sobald auf diesem Weg
Helmbrechts passiert ist, befinden sich die Tourer im
Fichtelgebirge. Schließlich erreichen sie Schwarzenbach an der
Saale, die Heimat von Donald Duck. Im „Erika-Fuchs-Haus“
befindet sich das Museum für Comic und Sprachkunst. Von Dienstag
bis Sonntag kann man hier unter anderem in die Welt von
Entenhausen eintauchen.
Für Technikinteressierte gibt es in
der ehemaligen Güterhalle am Bahnhof von Schwarzenbach a.d.
Saale historische Traktoren sowie Modelle ehemaliger
landwirtschaftlicher Geräte zu erleben. Das Museum öffnet aber
leider nur jeden ersten Sonntag im Monat und nur auf Anfrage.
Inzwischen nähert sich die Gruppe mit großen Schritten der
deutsch-tschechischen Grenze. Kurz davor durchfahren sie Rehau,
wo einst Hans Vogt, der Miterfinder des Tonfilms, in der
Mechanischen Werkstatt sein Handwerk lernte. An der südlichen
Regnitz angekommen, ist die Grenze dann nur noch „einen
Steinwurf entfernt“. Kurz hinter Mittelhammer wird außerdem die
Landesgrenze zwischen Bayern und Sachsen überquert. Ab jetzt
führt die Route, wie schon zu Beginn angekündigt, immer entlang
des Grenzverlaufs zu den Nachbarn in Tschechien. Zwischen Ebmath
und Gettengrün ist dieser sogar nur einige Meter von der Strecke
entfernt. Die gut zu befahrenden Nebenstraßen bringen die Gruppe
mit einigem Fahrspaß weiter bis nach Adorf im Vogtland. Hier
lässt es sich wunderbar cruisen. Bei Klingenthal – bekannt durch
die Skisprunganglage der Vogtland Arena – wendet sich die Route
nach Norden.
Um die Talsperre Eibenstock herum führt sie
südlich bis auf wenige Kilometer an Zwickau heran, wo die Fahrer
das erste Mal in die Nähe der Silberstraße kommen, ja, sie sogar
kreuzen und ab Bad Schlema befahren. Fast bis zu ihrem heutigen
Ziel, dem Erlebnishotel & Restaurant Fichtenhäusel, werden
sie diese auch nicht mehr verlassen.
Die Straße verbindet
eine Vielzahl von Sehenswürdigkeiten und touristischen
Angeboten, die durch den Bergbau entstanden oder sich mit ihm
beschäftigen. Schließlich wurde der Erzgebirgsraum mehr als 800
Jahre lang insbesondere vom Silberbergbau geprägt. Die heutige
Ferienstraße zeichnet die damaligen Transportwege von Silber und
Erz nach.
Doch nicht nur technische Denkmäler sind entlang
dieser Strecke zahlreich zu besichtigen. Auch beeindruckende
Bau- und Kunstwerke, die durch den Reichtum der Gegend
entstanden sind, findet man vielerorts – nicht nur in Dresden.
So vor allem die berühmten Silbermann-Orgeln. Die Städte Aue,
Lauter, Lößnitz, Schneeberg und Schwarzenberg sowie die Gemeinde
Bad Schlema, die wir auch noch durchfahren werden, bilden seit
1996 den „Städtebund Silberberg“. Auf lange Sicht wollen sie
sich zu der „Stadt Silberberg“ zusammenschließen.
Im
weiteren Verlauf führt die Tour über Langenweißbach durch das
eben bereits angesprochene Bad Schlema. Auch hier, in dem
anerkannten Kurort, ist der Bergbau allgegenwärtig.
So gibt
es das Besucherbergwerk Bad Schlema und das „Museum
Uranbergbau“, das am 22. Juli 1996 eröffnet wurde. Es ist das
einzige Bergbaumuseum, das die anfangs geheim gehaltene
Geschichte der Sowjetisch-Deutschen Aktiengesellschaft (SDAG)
Wismut von den Anfängen im Jahr 1946 bis zum gegenwärtigen
Sanierungsstand dokumentiert. Die Ausstellung gibt Einblick in
die Arbeits- und Lebensbedingungen der Wismutkumpel beim einst
drittgrößten Uranproduzenten der Welt.
Mittlerweile wohl
mehr durch den Fußballverein als für den Silber- und Uranabbau
bekannt, ist die Stadt Aue, die kurz hinter Bad Schlema
durchfahren wird. Auf der B101 passieren wir das Markersbacher
Viadukt und legen noch einen Abstecher zum Scheibenberg mit
seinen „Orgelpfeifen“ genannten Basaltfelsen ein, die zum
UNESCO-Welterbe der Montanregion Erzgebirge gehören. Von hier
aus ist es nicht mehr weit bis zum heutigen Quartier, dem
Erlebnishotel & Restaurant Fichtenhäusel.
Entlang der Silberstraße
Nach einem reichhaltigen und guten Frühstück steht der zweite
Teil der Tour an. Ziel ist es, erneut parallel zur
deutsch-tschechischen Grenze zu fahren und dabei die
Silberstraße mehrfach zu kreuzen.
Nördlich des Hotels liegt
Annaberg-Buchholz. Während sich der Stadtteil Annaberg am
Pöhlberg befindet, liegt der Stadtteil Buchholz auf der
gegenüberliegenden Talseite und reicht bis zum Schottenberg. Im
16. Jahrhundert avancierte Annaberg aufgrund des reichen Ertrags
des Silberbergbaus nach Freiberg zur zweitgrößten Stadt
Sachsens. Auch Berühmtheiten, wie den „Vater des modernen
Rechnens“ Adam Ries, zog es in diese Stadt. Zu diesem Zeitpunkt
gehörten Annaberg und Buchholz noch nicht zusammen. Neben dem
Silberbergbau lockte aber auch die Reliquiensammlung in der St.
Annenkirche zahlreiche Besucher nach Annaberg. Nach dem Rückgang
des Silberbergbaus erlebte Annaberg im 19. Jahrhundert einen
neuen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Textilindustrie.
Damals unterhielten Annaberger Firmen sogar Niederlassungen in
großen Metropolen wie New York, London oder Paris. Doch auch
Buchholz konnte, dank des Buchholzer Monopols, einem
Herstellungsverfahren für Perlgewebe, im 19. Jahrhundert einen
wirtschaftlichen Aufschwung verzeichnen. Seit 1945 gehören beide
Städte nun zusammen. Hier, direkt an der Silberstraße, befindet
sich eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten im Erzgebirgsraum:
Der Frohnauer Hammer. Die Anlage ist heute für Besucher
zugänglich und zeigt ihnen unter anderem das Hammerwerk, in dem
sie auch einen der drei „Schwanzhämmer“, leider nur den
kleinsten, in Aktion erleben können.
Nach so viel Kultur
gilt es nun, ein paar Kurvenkilometer zu sammeln. Über Schlettau
und Tannenberg geht es weiter nach Geyer. Die Geyersche Binge
ist ein ehemaliges Bergwerk, in dem schon im 14. Jahrhundert
Erze, unter anderem Silber, gefördert wurden. Aber durch zu
viele und zu nah beieinander liegende Hohlräume stürzte es im
Laufe der Zeit mehrfach ein. Der Einsturzkessel kann heute über
befestigte Wege besichtigt werden. Unweit des Ortes, zwischen
Geyer, Ehrenfriedersdorf, Jahnsbach und Thum befinden sich die
bekannten Greifensteine. Diese Felsformation ist nicht nur bei
Kletterern sehr beliebt.
Nun dreht die Route gen Osten ab
und erreicht über das Thermalbad Wiesenbad den Ort Wolkenstein.
Die Stadt nennt die älteste und wärmste Thermalquelle Sachsens
ihr Eigen. Schon von weitem gut sichtbar, zeichnet sich hier die
Burg Wolkenstein über dem Zschopautal ab. Nach einem Gang über
das Gelände und durch das „Museum Schloss Wolkenstein“ tut eine
Kaffeepause mit Blick auf die Burg und den Bahnhof davor
besonders gut. Dann führt die Strecke auf wunderbar kurvigen
Straßen über Drebach und Venusberg weiter nach Zschopau. Wie den
meisten Motorradfahrern bekannt ist, ist der Endurosport in
Zschopau tief verwurzelt. Die in den 30er Jahren von Walter
Kaden und Walter Winkler als Zuverlässigkeitsfahrt erdachte Art
des Fahrens, entwickelte sich rasch zu der echten Sportart des
„Endurofahrens“. 1990 war Zschopau sogar Austragungsort des
Weltmeisterschaftslaufs. Der Kurs der bis heute ausgetragenen
Veranstaltung „Rund um Zschopau“ gilt aufgrund seiner
anspruchsvollen Strecke und der im November oft schwierigen
Wetterbedingungen als einer der
schwierigsten weltweit.
Im
Schloss Wildeck in Zschopau wird sehr sehenswert die Gründung
des DKW-Werkes durch den Dänen Jørgen Skafte Rasmussen zu Beginn
des 20. Jahrhunderts dargestellt. Daneben nimmt die
Produktpalette von MZ in der Ausstellung einen breiten Raum ein.
Neben den Serienmotorrädern sind auch Originalmaschinen zu
sehen, die im Renn- und Geländesport über Jahrzehnte erfolgreich
waren. Motorradfahrer dürfen auf dem Schlosshof kostenfrei
parken. Südlich von Zschopau liegt Marienberg an der
Silberstraße. Dort, im Zschopauer Tor, einem von ehemals fünf
Stadttoren, befand sich lange Zeit das Heimatmuseum, bis es 2006
in das Bergmagazin, ein nachgebautes mechanisches Bergwerk,
umgezogen ist.
Weiter geht die kurvige Fahrt nach Norden
zur Wehrgangkirche von Lauterbach. Ihr Küster erzählt, dass sie
eine von insgesamt vier im Erzgebirge erhaltenen Wehrkirchen
sei, die anderen stünden in Dörnthal, Großrückerswalde und
Mittelsaida. Sie wären am Ende des 15. Jahrhunderts mit einem
Wehrgeschoss versehen worden, das der Verteidigung dienen
sollte. Heute stünden sie unter Denkmalschutz.
Eine kurze,
kurvenreiche Strecke weiter folgt in Form des Kalkwerks
Lengefeld die nächste Überraschung – ein ungewöhnliches Gebäude.
Heute ein Museum, wurden in seinen Gängen während des Zweiten
Weltkrieges wertvolle Kunstschätze und Porzellan aus Dresden
versteckt.
Über Pockau, wo sich ein Besuch der Ölmühle
lohnt, führt die Tour in nordöstlicher Richtung, vorbei an der
zweiten beeindruckenden Wehrkirchen in Dörnthal, nach
Mittelsachsen. In Freiberg an der Silberstraße ist der
nördlichste Punkt der Tour erreicht. Das ehemalige Zentrum des
sächsischen Silberbergbaus beherbergt die weltweit älteste
bergbautechnische Hochschule. Das Freiberger Silber war
maßgeblich am Reichtum des benachbarten Dresdner Hofes
beteiligt.
Ein berühmtes Bauwerk Freibergs ist der Dom St.
Marien. Mit seinem wunderschön verzierten Gewölbe ist er weit
über die Stadtgrenzen hinaus bekannt für seine Kunstwerke
„Goldene Pforte“ und „Tulpenkanzel“. Der geschmückte Bau
beherbergt gleich zwei „Silbermann“-Orgeln. Eine davon ist sogar
die älteste noch erhaltene Orgel des bekannten Orgelbauers.
Wer
durch die Stadt schlendert, sollte den großen Obermarkt nicht
auslassen. Das wohl beeindruckendste Gebäude an diesem
Platz ist das Rathaus im Renaissance-Stil. Im ersten Stock
dieses Hauses befindet sich ein Glockenspiel aus Meißner
Porzellan, welches zwei Mal täglich das bekannte Lied „Glück
auf, Glück auf, der Steiger kommt“ zum Besten gibt. Nicht nur
das Glockenspiel, sondern auch das Renaissanceportal am höchsten
Haus des Obermarkts, dem sogenannten Lißkirchner-Haus, erinnert
an den Silberbergbau. Auf ihm sind Motive aus dieser Zeit zu
bewundern.
Von Freiberg aus führt die Silberstraße in die
ehemalige Residenzstadt Dresden, die mit ihren Prunkvollen
Bauwerken, wie beispielsweise dem Zwinger oder der Semperoper
ohnehin mehr als nur einen Abstecher wert ist. Dieses Mal lassen
wir die sehenswerte Stadt allerdings aus und setzen den
Weg
entlang der Freiberger Mulde Richtung Süden fort. So kommt auf
dem Weg zum Hotel noch einmal richtiger Kurvenfahrspaß durch die
Höhen und Tiefen Mittelsachsens auf und es bleibt Zeit für zwei
Abstecher: In Seiffen, das für seine Bergkirche, seine
Spielzeugmacher und seine Schauwerkstätten bekannt ist, hat sich
Gerd Hofmann von der „kleinsten Motorradschmiede Sachsens“ auf
die Produktion von Räuchermotorrädern spezialisiert, die
tatsächlich aus dem Auspuff heraus räuchern.
Ebenfalls mit
Holzschnitzkunst, allerdings in anderer Dimension, hat das
Walderlebniszentrum in Blockhausen nahe Dorfchemnitz zu tun.
Nach einer Idee des Kettensägenschnitzers Andreas Martin ist
hier ein Ort entstanden, an dem jährlich der Huskycup
ausgetragen wird – ein internationaler
Kettensägen-Wettbewerb.
Die Ergebnisse zu den verschiedenen
Themenvorgaben lassen sich in der hügeligen Landschaft
bewundern, bevor die Tour am späten Nachmittag im Flair- &
Berghotel Talblick in Rechenberg-Bienenmühle endet.