Text: Victoria Emanuel
Fotos: Franz Kirchhoff
Erschienen auch bei Motorrad & Reisen im Heft 98.
Irgendwann alle schönsten Motorradstrecken Deutschlands zu kennen, ist ein hochgestecktes Ziel, aber wer es nicht vesucht, hat schon verloren. Diesem Mantra folgend fahren Werner und Franz Kirchhoff in ein ihnen eher unbekanntes Terrain - im Herzen von Deutschland.
Wie schon so oft starten Werner und Franz Kirchhoff, vom eigenen „Aparthotel Schwarzwald Panorama“ in Bad Wildbad. Doch dieses Mal geht es nicht wie sonst so oft in Richtung Süden, sondern gen Norden in die Rhön. Dabei durchfahren sie sowohl den Odenwald als auch den Spessart. Diesen ebenfalls sehr interessanten Regionen Deutschlands schenken sie bei ihrer Durchreise auf dem Hin- und Rückweg gebührende Aufmerksamkeit. Sie sollen hier jedoch nicht das Thema sein.
Tourenauftakt am Stadtstrand
In der Rhön, genauer gesagt in Bad Neustadt an der Saale, angekommen, steuern die Brüder gleich ihr Quartier, das Akzent Hotel Residenz, an. Den Juniorchef Florian kennen sie von zahlreichen Motorradmessen, auf denen die beiden Anbieter oft sogar direkt nebeneinander vertreten sind. Florian war es auch, der Werner und Franz die Rhön mit ihren sanften Kurven und doch auch anspruchsvollen Anstiegen als Motorradgebiet schmackhaft gemacht hat. Natürlich war dabei auch sofort klar: Sollten sie mal in die Rhön kommen, werden sie in Florians Hotel übernachten.
Bad Neustadt an der Saale – Wechterswinkel – Unterelsbach – Oberelsbach – Urspringen – Roth – Stetten – Fladungen – Seiferts – Ehrenberg (Rhön) – Frankenheim – Mosbach – Obernhausen – Wasserkuppe – Obernhausen – Gersfeld (Rhön) – Oberweißenbrunn – Wildflecken – Langenleiten – Sandberg – Bischofsheim a. d. Rhön – Kreuzberg – Bischofsheim a. d. Rhön – Sandberg – Steinach – Bad Kissingen – Steinach – Bad Neustadt an der Saale
Gesagt, getan. Nun sind sie hier. Nach einem Stiefelbier im Hotel nimmt Florians Vater Manfred die beiden mit zum Stadtstrand nach Bad Kissingen, den die Familie, unter anderem inklusive einer großen originellen Almhütte, in eigner Regie als erfolgreiches Event während der gesamten Sommerzeit im Kurstadtzentrum direkt an der Saale betreibt. Die beiden dürfen sich auf einen vergnüglichen Sommerabend freuen. Davor führt Manfred sie an den überwältigenden, großen Camps der „Abenteuer & Allrad“, der größten Off-Road-Messe der Welt, vorbei. Zufälligerweise findet dieses Ereignis gerade an diesem Wochenende statt.
Von Bayern nach Hessen
Für den nächsten Morgen lautet die Absprache dennoch wie gehabt
7-8-9 (7 Uhr: Aufstehen, 8 Uhr: Frühstück, 9 Uhr: Abfahrt). Kurz
vor 9 treffen sich die beiden zur gewohnten kurzen
Tagesbesprechung. Pünktlich geht es dann los. Mit einem kleinen
Schlenker nach Osten führt die Route nördlich aus Bad Neustadt
heraus. Dabei überqueren sie einen der Flüsse, an deren
Zusammenfluss die Stadt liegt. Die Brend ist etwa 30 Kilometer
lang und ein Nebenfluss der Fränkischen Saale, in die sie
östlich der Altstadt von Bad Neustadt mündet. Kurz vor
Wechterswinkel überqueren sie die Els, deren Verlauf die weitere
Strecke bis Unterelsbach folgt, wo sie erneut überquert wird –
nur um ihr noch weiter bis nach Oberelsbach zu folgen. Nun führt
die Route immer weiter nördlich. Die Straßen sind angenehm
geschwungen und bieten schöne leichte Steigungen und Abfahrten,
die zwar Fahrer und Gerät nicht sehr fordern, aber einen
angenehmen Fahrspaß bieten. Dabei bestechen Flora und Fauna in
besonderem Maße, gerade jetzt, da die unter Naturschutz
stehenden Lupinen so farbenprächtig blühen.
Als erstes
Tagesziel werden die 711 Meter hohe „Rother Kuppe“ und das
gleich nebenan liegende Rhön-Park-Hotel angefahren. Den
herrlichen Ausblick vom Aussichtsturm der Turmgaststätte auf der
„Rother Kuppe“ lassen sich die beiden natürlich nicht nehmen.
Danach führt eine Schleife über den Steinkopf und die
Hochrhönstraße in die Nähe der bayerisch-hessischen Grenze. Doch
noch wird das Bundesland nicht gewechselt.
So geht es
weiter nach Roth und von dort aus nach Stetten. Eine der
nördlichsten Städte auf dieser Tour ist Fladungen, welche nach
dem Durchfahren von Stetten zügig erreicht ist. Hier steht der
erste Kaffeestopp auf dem Plan. Frisch gestärkt geht es nun
schon bald wieder bergauf zum Querenberg. Hier überquert man
kurz nach der Kuppe die Landesgrenze zwischen Bayern und Hessen
und gelangt westlich davon nach Seiferts. Ein Stück weiter
südlich, kurz vor dem bayerischen Bischofsheim biegen die beiden
links ab nach Gersfeld. Die Stadt wird von den Bergen der Rhön
halbkreisförmig umschlossen. Dieses Mal wird sie nur gestreift,
denn die Wasserkuppe ruft.
Über die Wasserkuppe zurück nach Bayern
Die ist mit 950 Metern der höchste Berg der Rhön und
gleichzeitig auch die höchste Erhebung des Bundeslandes Hessen.
Bei guter Sicht reicht der Blick von hier aus bis zum Hohen
Meißner, dem Rothaargebirge und dem Taunus. Auf ihrer Südseite
entspringt die Fulda. Bekannt ist die Wasserkuppe besonders für
das hier befindliche Segelflugzentrum. Es umfasst die älteste
Segelflugschule der Welt, eine Gleitschirmflugschule, das
Deutsche Segelflugmuseum und den „Flugplatz Wasserkuppe“, auf
dem auch Motorflugzeuge landen dürfen. Weithin bekannt ist
außerdem das Radom auf der Wasserkuppe – eine Radarkugel. Als
höchstgelegenes Gebäude Hessens ist es das Wahrzeichen der Rhön
und seit 2009 auch für Besucher zugänglich. Auf dem extrem
beliebten Ausflugsziel Wasserkuppe finden sich zahlreiche
Attraktionen: Die Doppelsommerrodelbahn (eröffnet 1975 und
1989), Hessens höchstgelegener Kletterwald, der Rhönbob sowie
der 2007 eröffnete „Hexenbesen“ versprechen Spaß für Groß und
besonders Klein. Auch Werner und Franz schließen sich den
zahlreichen Besuchern an, stellen ihre Motorräder ab und
besichtigen das Gelände. Mittagessen gibt es, wie für die
meisten hier oben, die sich ihren Proviant nicht selbst
mitgebracht haben, in der „Märchenwiesenhütte“. Es geht wieder
zurück nach Gersfeld und diesmal auch in die schöne Stadt
hinein. Am Marktplatz stehen wunderschöne Fachwerkhäuser aus dem
17. und 18. Jahrhundert. Außerdem hat die Stadt einen
Schlosspark und mit dem Oberen Schloss, Mittleren Schloss und
Gelben Schloss – heute als Schloss Gersfeld bekannt – gleich
drei Schlösser zu bieten. Obendrein befindet sich hier eine der
bedeutendsten evangelischen Kirchen Hessens aus der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts: die Barockkirche.
Im Anschluss
führt eine angenehme Bergauf- und -abfahrt die Route Richtung
Süden, die Landesgrenze querend, bis nach Wildflecken, wo kurz
für einen Kaffee gehalten wird. Doch allzu lange wollen die
beiden sich nicht aufhalten, die gut ausgebauten und allen Orts
leicht geschwungenen Straßen machen Lust auf mehr.
Der „Heilige Berg der Franken“
Es soll zu einem weiteren berühmten Ort der Rhön gehen: dem Kloster Kreuzberg. Dazu gilt es, den 928 Meter hohen Kreuzberg hinaufzufahren. Nach der Wasserkuppe und der Dammersfeldkuppe ist er der dritthöchste Berg der Rhön und gleichzeitig der zweithöchste der Bayerischen Rhön. Etwa 600.000 Besucher jährlich machen den Kreuzberg zum meistbesuchten Ausflugsziel im bayerischen Teil des Gebirges. Seit der Missionierung der Franken und durch die Tradition als Wallfahrtsort gilt er als „Heiliger Berg der Franken“. Die meisten Besucher kommen wahrscheinlich wegen des Klosters am Westhang. Die bekannten drei Wallfahrerkreuze stammen aus dem Jahr 1710 und sind noch immer Ziel von Kreuzberg-Wallfahrten. Seit 1731 wird auf dem Kreuzberg das über die Region hinaus bekannte Kreuzbergbier gebraut – bis heute.
Über Bad Kissingen zurück nach Bad Neustadt
Erneut wird die Schleife über Bischofsheim und Sandberg
gefahren. Danach geht es im Tal, entlang des Schmalwasserbachs,
bis nach Steinach an der Saale. Jetzt könnten sich Werner und
Franz eigentlich auf den kurzen Restweg zurück zu ihrem Quartier
machen. Doch kurzerhand entschließen sie sich, noch mal die
Fahrtrichtung „Süd“ einzuschlagen, wodurch sie wenig später Bad
Kissingen am südöstlichen Rand der Rhön erreichen. Das mondäne
Mineral- und Moorheilbad könnte man auch als „Stadt der sieben
Quellen und Berge“ bezeichnen, denn es nennt sieben Heilquellen
ihr Eigen und ist von sieben Bergen umgeben. Die Stadt
begeistert ihre Besucher aber auch mit ihrem Flair, insbesondere
im historischen Kurviertel mit dem ältesten Kurgarten Europas
sowie dem Regenten- und Arkadenbau, der Wandelhalle und dem
ehemaligen Luitpoldbad inklusive der Spielbank. Natürlich lassen
Werner und Franz die am Abend zuvor kennengelernte
Sommerattraktion, den Stadtstrand, nicht aus und lassen sich von
Florian gerne noch mal zu einem Weizen, dieses Mal natürlich
alkoholfrei, einladen.
Am frühen Abend, im großen
Außenbereich der namhaften „La Cucina di Francesco“ in Bad
Neustadt, lassen die Brüder bei einem vorzüglichen Abendessen
ihre Rhöntour Revue passieren und stellen fest: Wasserkuppe und
Kreuzberg sind bei Weitem nicht alles, was die Rhön zu bieten
hat. Die beiden sind sich deshalb einig: Sie waren nicht zum
letzten Mal hier. Die sanft geschwungenen Kurven und die
abwechslungsreichen Bergauf- und -abfahrten, die die Rhön so
interessant für Motorradfahrer machen, werden sie künftig auch
in ihren beiden Häusern in Stralsund und im Schwarzwald über das
BASECAMP OSTSEE TOURER weiterempfehlen.