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Erschienen auch bei Motorrad & Reisen im Heft 82.
Text: Werner Kirchhoff, Isabel Wodrig
Fotos: ADDI
creare-imagos
VORGESCHICHTE
Es ist Mitte September und wir
sind wieder einmal auf einer Rücktour vom Schwarzwald an
die Ostsee. Addi und ich waren in Bad
Wildbad/Nord-Schwarzwald und haben dort mit einigen
Motorradfahrern ein größeres Fotoshooting zwischen Elsass
und Schwarzwald absolviert. Mitten im Geschehen fällt mir
unterwegs ein, dass wir hier oben an der Ostsee bei der
geraden guten Wetterlage ja gleich noch ein Shooting
dranhängen könnten. Schon lange hatten wir uns
Fischland-Darß-Zingst und insbesondere das zwischen
Stralsund und dort liegende Hinterland vorgenommen. Darauf
angesprochen, ist Addi sofort einverstanden, denn nicht
minder als ich meint auch er: „Wir sind ja ohnehin jetzt
gut dabei – also durchziehen!“ Es ist Donnerstag und ich
lege noch während der Fahrt den Termin bereits auf Anfang
nächste Woche fest. „Ja, aber wer fährt dann mit?“, fragt
mich unser Fotograf gleich im Anschluss. „Das wird sich
schon finden.“ Und ich sollte recht behalten.
Stralsund - Duvendiek - Barth - Prerow - Ahrenshoop - Wustrow - Ribnitz-Damgarten - Marlow - Richtenberg - Stralsund
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Zu Hause in Stralsund angekommen, befasse ich mich am Wochenende erst einmal mit der detaillierten Streckenführung – und siehe da: Mehr oder weniger so ganz nebenbei lerne ich Fredy kennen. Er ist Hotelgast, schon einige Tage da und hat die Insel Rügen sowie vieles mehr bereits abgefahren. Auf meine Frage und Anregung, Fischland-Darß-Zingst und das Hinterland dazu entdecken zu wollen, kommt von ihm ein spontanes: „Ja, gerne!“ Trotz meiner Vorwarnung, dass es bei einem Shooting zu mehreren Stopps kommen kann und die Sache damit etwas anstrengend wird, bleibt unser Schweizer Gast mit von der Partie. Addi kann sich natürlich ein Schmunzeln nicht verkneifen, weil er weiß: Dieser Tag wird intensiv. Gemeinsam geht es dann, wie ausgemacht, nur ein paar Tage nach unserer Rückkehr von Bad Wildbad auch schon los.
BASIS-HOTEL – Altstadt Hotel zur Post Stralsund
Frühmorgens machen wir uns von der inzwischen unter Insidern
bekannten „MOTOBIKE-AREA“ des Altstadt Hotels aus auf den Weg.
Bekannt ist die Garage bzw. der Bereich für die Motorräder
hauptsächlich durch die hier in der Wintersaison stattfindenden
Partys. Deren Lichtkulisse ist eigens für Motorradfahrer auch im
Sommer auf „on“ gedreht.
Die Hotelküche bringt uns routinemäßig ungefragt vier
Lunchpakete in die Garage. Wir wollten heute eigentlich einmal
außer Haus essen, aber sicher ist ja sicher und wir verstauen
sie in unseren Tankrucksäcken.
Ein starkes Team
Der vierte Mann, der sich spontan
bereit erklärt, das Cabriolet zu steuern, ist übrigens Bernd,
mein Fahrradfreund. Mit ihm kann man, wie man gern so sagt,
„Pferde stehlen“. Ohne zu lamentieren ist er dabei und gibt uns
als früherer Motoradfahrer, aber insbesondere auch sehr guter
Kenner der hiesigen Landwirtschaft gleich zu Beginn wertvolle
Tipps. Das Beatle Cabrio, auch ganz kurzfristig vom Stralsunder
Autohaus Dürkopp abgeholt, stellt uns Sven Artig, ebenfalls ein
guter Freund des Hauses und Geschäftsführer bei Dürkopp, ganz
undramatisch und kostenfrei zur Verfügung. Es ist gar nicht so
einfach, um diese Zeit ein offenes Fahrzeug zu mieten. Alle
namhaften Vermieter zumindest müssen auf Anfrage gleich passen.
Doch wir sind mit unserem Beatle, der auch bei oft ganz flotter
Fahrt mithält, jedenfalls sehr zufrieden. Wie bereits erwähnt,
kommt Fredy aus der Schweiz und ist dort wohnhaft in Lachen,
Kanton Schwyz. Er fährt auf einer BMW K 1300 GT, ist seit seinem
18. Lebensjahr schon dabei und unternimmt heute hauptsächlich
Touren. Im September befindet er sich meistens 10 bis 14 Tage
auf größerer Tour – ob am Mittelmeer oder wie diesmal wieder im
Norden ist dabei kein Problem für ihn. Addi, treue Seele unseres
Stralsunder, aber auch des Bad Wildbader Hauses, bürgt mit
seiner professionellen Ausrüstung und seinem geschulten Auge
erneut für bestes Fotomaterial. Sehr gern wäre diesmal auch
unsere treue Redaktionsberaterin und heimliche Lektorin Isabel
mitgefahren, sitzt sie doch sonst bei rügendruck in Putbus auf
der dem Haus gleichnamigen Insel. Dafür kennt sie jedoch
Fischland-Darß-Zingst und das Hinterland sehr gut, sodass sie
für die geschichtlichen und lokalen Recherchen verantwortlich
zeichnet. Mein Job ist es, wie immer, ein bisschen zu
organisieren, die Streckenführung entsprechend zu planen und das
Team bei guter Laune zu halten. Mit meiner BMW F800 GS ADV bin
ich super zufrieden und komme, obwohl fahrerisch sicher immer
noch Frischling, sehr gut damit zurecht.
ON TOUR
Alles ist fahrbereit, wir ziehen los und
fahren in Richtung Norden aus der Hanse- und Welterbestadt
Stralsund heraus. Schon bald finden wir uns unterhalb bzw.
gegenüber dem heute als Nationalpark Vorpommersche
Boddenlandschaft ausgewiesenen Gebiet südlich der Insel
Hiddensee wieder, welches von dort über Fischland-Darß-Zingst
hinausreicht.
Das nordvorpommersche Hinterland der Ostseeküste, südlich vor
den Halbinseln Fischland-Darß-Zingst sowie den Inseln
Hiddensee und Rügen gelegen, ist bereits immer Flächenland
gewesen und
aus diesem Grund seit Jahrhunderten landwirtschaftlich geprägt.
Die immer noch in großer Anzahl erhaltenen Herrenhäuser und
Gutsanlagen künden vom Reichtum ihrer einstigen Herren ebenso
wie von den schwierigen Lebensverhältnissen der pommerschen
Landbevölkerung. Seit Urgedenken ist hier jedoch alles
eingebettet in wunderschönste Natur, was in den letzten gut
hundert Jahren dazu führte, das der Landstrich mittlerweile
hauptsächlich vom Tourismus lebt.
Gut Krönnevitz
Zuerst verlassen wir die Hauptstraße
einmal kurz und erreichen die Gutsanlage Krönnevitz. Diese liegt
circa acht Kilometer in Richtung Barth vor Stralsund und umfasst
ein stattliches Herrenhaus mit Rondell, Stall und Park. Im 13.
Jahrhundert von der Familie Crane und dem Kloster Neuenkamp
verwaltet, gehörte es ab 1696 den ansässigen Familien Bahr,
Sodemann, von Sydo und von Klot-Trauvetter.
Das klassizistische, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts
stammende, hell geputzte Gutshaus mit zweigeschossigem Mittelbau
und Mezzanin (halbes Geschoss) beherbergt heute erstklassige,
ruhige und in unmittelbarer Natur gelegene Ferienwohnungen.
Neu Bartelshagen / Zühlendorf, Hafen
Über Duvendiek und Lassentin fahren wir unter großen, alten
Bäumen weiter. Auch in Neu Bartelshagen steht ein sehenswertes
barockes Gutshaus. Die Gemeinde grenzt an das südliche Ufer der
Grabow, des östlichen Teils der Darß-Zingster Boddengewässer.
Hier liegt der gemütliche Hafen Zühlendorf, wo wir direkt bis
ans Ufer heranfahren und unseren ersten Wasserblick genießen
können. Unser Gast aus der Schweiz zeigt sich begeistert von der
Idylle und klagt auch nicht ob der ihm sonst so vertrauten, aber
ganz sicher fahrerisch anspruchsvolleren Motorradstraßen.
Groß Kordshagen / Hof Thomsen
Unter den schönsten Baumalleen entlang geht es weiter nach Groß
Kordshagen. Auch der Ortsteil Flemendorf besitzt einen netten
kleinen Hafen an der Grabow. Die schlichte Marienkirche aus dem
14./15. Jahrhundert ist, typisch für die Region, in roter
Backsteingotik auf einem Feldsteinsockel errichtet und mit einem
sehr niedrigen, verbretterten Kirchturm versehen.
Hier halten wir noch auf dem Hof Thomsen und machen einige
Aufnahmen. Mit unserem kleinen Fuhrpark erwecken wir bei den
vorbeimarschierenden Touristen deren Neugier und kommen so ins
Gespräch. Wir erfahren, dass man mit dem Urlaub auf dem Lande,
wie wir hier sagen, sehr glücklich ist.
Barth, Hafen
Auf der Landstraße über Zipke bewegen wir uns nun bei flotter
Fahrt durch die herrlichen Alleen nach Nordwesten. Dort liegt
das ehemals für lange Zeit politische Zentrum der Region
Landkreis Franzburg-Barth, das Städtchen Barth (pommersch:
„kleine Erhöhung“).
Nach der politischen Wende 1991 erfuhr der historische Barther
Stadtkern eine gründliche Sanierung, was wesentlich zur
Steigerung der Attraktivität des Ortes beitrug. Insbesondere der
Bereich des Westhafens erhielt neue Reihenhäuser, Restaurants
und Läden, die Hafenstraße wurde umgebaut. Auf ihr drehen wir
mit den Motorrädern eine Runde durch den Hafen und Addi hält vor
dem maritimen Hintergrund fleißig drauf. An einem Fischkutter
fast schon vorbeigefahren, legen wir dort noch einen Stopp ein
und sagen kurz Kuno guten Tag. Als erfolgreichen Barther
Fischbrötchenverkäufer kennen wir ihn gut aus Stralsund. Gern
hätte er uns eingeladen, doch wir haben zu tun und nach dem
opulenten Frühstück im Hotel auch noch keinen Appetit.
Barth ist übrigens eine der Städte im Ostseeraum, die für sich
in Anspruch nimmt, mit dem sagenhaften Vineta in Verbindung zu
stehen. Die zu Werbezwecken genutzten Bezeichnungen Vineta-Stadt
und Vineta-Museum Barth sind wissenschaftlich allerdings nicht
bewiesen. Es gibt keinerlei Bezug zur legendären
frühmittelalterlichen pommerschen Stadt Jumne bzw. Jumneta, die
heute mit Wollin auf der gleichnamigen polnischen Oderinsel
identifiziert wird. Heutzutage eröffnen diese Dinge und der
Tourismus jedoch wieder neue wirtschaftliche Perspektiven durch
Barths Nähe zur Ostsee und als Tor zur Halbinsel Zingst.
Als Zwischenstopp für einen schnellen Kaffee geben wir an dieser
Stelle zwei Empfehlungen: zum einen die Bäckerei Fiedler direkt
an der Barther Ortsausfahrt links (Barthestraße 195, 18356
Barth), zum anderen mitten im nächsten Ort Pruchten rechts ab
der Dorfstraße die Landbäckerei Dabels (Nationalpark
Vorpommersche Boddenlandschaft, Dorfstraße 5, 18356 Pruchten).
Bei diesen Bäckereien kann man mit den Motorrädern auch einfach
gut vor der Tür stehen.
Meiningenbrücke
Nach dem Passieren von Pruchten cruisen wir unter Windflüchtern
– eine gängige Bezeichnung für die in der hiesigen Gegend
typischen, aufgrund des oft starken Windes schräg stehenden,
zumeist kleineren Bäume – hindurch. Dann erreichen wir bei
Bresewitz den Punkt am so genannten Meiningenstrom, der die
Halbinsel Zingst mit dem Festland verbindet: die
Meiningenbrücke.
Die Alte Meiningenbrücke wurde von 1908 bis 1912 als
Eisenbahnbrücke für die Darßbahn von Barth über Zingst nach
Prerow von der Eisenbauanstalt Louis Eilers aus
Hannover-Herrenhausen gebaut. Zur Entlastung der nur einspurigen
ehemaligen Bahnbrücke wurden in den 1980er-Jahren westlich davon
eine 105 Meter lange Behelfsbrücke sowie eine 135 Meter lange
Pontonbrücke errichtet.
Bis 2011 nutzte man die Behelfsbrücke für die Fahrt vom Darß
aufs Festland, während die alte Drehbrücke dem nordwärts
fließenden Verkehr zum Darß diente. In der Winterzeit führte der
Verkehr durch eine Ampelsteuerung wechselseitig über die
Meiningenbrücke. Bei jeder Schiffspassage musste die
Behelfsbrücke jedoch ausgeschwommen werden, im Winter wurde sie
sogar komplett ausgelagert.
Aus diesem Grund löste die Pontonbrücke 2012 eine zweispurige,
230 Meter lange Übergangskonstruktion aus Stahl mit
Klappmechanismus ab und die alte Drehbrücke wurde für den
Verkehr gesperrt. Letztere soll durch einen Neubau ersetzt
werden, um die Darßbahn über Zingst bis Prerow erneut zu
reaktivieren. Die Usedomer Bäderbahn möchte die Anbindung der 19
Kilometer langen Strecke zusammen mit den Gemeinden und der
Landesregierung realisieren – die Meiningenbrücke soll dabei als
kombinierte Straßen- und Eisenbahnbrücke neu entstehen.
MERKE! Die Brücken werden jeweils 15 Minuten lang zu festen
Zeiten für den Schifffahrtsverkehr in die und aus den westlichen
Boddengewässern geöffnet. Außerdem erfolgt dies saisonabhängig,
allerdings nur bei Bedarf: viermal täglich im Sommer und ein-
bis zweimal wöchentlich im Winter.
Halbinseln Fischland-Darß-Zingst
Voller Spannung bemerkt unser Schweizer Gast nun, dass wir
inzwischen auf den Halbinseln sind, die er ursprünglich gar
nicht in seinem Urlaubsprogramm vorgesehen hatte. Die sich auf
etwa 50 Kilometern zwischen den Hansestädten Rostock und
Stralsund ausdehnende Halbinselkette vor der nordvorpommerschen
Küste ist zur Ostseeseite hin geprägt von schroffen Steilküsten,
dem urwüchsigen Darßwald sowie langen, weißen Sandstränden im
Westen und Norden. Im Hinterland finden sich liebliche
Boddenlandschaften mit umrandenden Schilfgürteln und
weitläufigen Wiesen.
Das unbewaldete Fischland war bis 1394 Insel, seither reicht der
westlichste mit dem Festland verbundene Teil nördlich von
Dierhagen bis nach Althagen. Historisch gehört es noch
Mecklenburg an, die Grenze zu Vorpommern verläuft am „Grenzweg“
in Ahrenshoop. Im Westen schließt der Saaler Bodden an das
Fischland an.
Der Darß mit seinem wilden, ursprünglichen Waldbestand wuchs als
Folge von Verlandung und insbesondere nach der großen Sturmflut
von 1872 mit den anderen beiden Inseln zusammen. Dieser mittlere
Teil der Halbinseln gehört bereits zu Vorpommern und
grenzt südlich an den Saaler bzw. Bodstedter Bodden. Im Zuge der
natürlichen Küstendynamikausgleichsprozesse verlandet sein
nördlichster Punkt jedes Jahr mehrere Meter in Richtung Norden,
während das Land am Westrand abgetragen wird.
Der Zingst schließt nach Osten an den Darß an und wird nördlich
von der Ostsee begrenzt. Der Barther Bodden und Grabow,
die zur Darß-Zingster Boddenkette zählen, liegen südlich. Durch
Versandung ist die ehemals östlich vorgelagerte Insel Großer
Werder eine Halbinsel am Zingst geworden. Im Osten liegt das
größere, sehr wildreiche Waldgebiet Osterwald, an welchen sich
die Sundischen Wiesen anschließen.
Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft
Hier
befinden wir uns übrigens auch am südlichen Ende des
Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft, dessen
landschaftliche Schönheit und Tierreichtum von vielen immer
wieder unterschätzt wird. Mit einer Fläche von offiziell 786
Quadratkilometern ist er der größte des Bundeslandes
Mecklenburg-Vorpommern, sogar drittgrößter Deutschlands und
erstreckt sich seit 1990 im westlichen Teil der vorpommerschen
Ostseeküste entlang der inneren als auch äußeren Küstengewässer.
Seine halbe Fläche umfasst offene Ostsee, mehr als ein weiteres
Viertel umfasst Teile der Darß-Zingster Boddenkette und der
Westrügener Bodden. Somit sind besonders die Flachwasser mit
unterschiedlichem Salzgehalt geschützt, was widerum eine sehr
reichhaltige Flora und Fauna einschließt. Landseitig stehen
Teile des Darß und der Halbinsel Zingst sowie der Großteil der
Insel Hiddensee und ein schmaler, dem Bodden benachbarter
Streifen der Insel Rügen unter Schutz. Küstenwälder aus Kiefern
und Buchen sowie Küstenüberflutungsmoore zählen dazu. Im
Windwatt finden insbesondere Graukraniche während der Zugzeit
einen ihrer wichtigsten Schlafplätze in Westeuropa. Insgesamt
brüten 163 Vogelarten im Nationalpark, von denen 67 auf der
Roten Liste Deutschlands stehen. Die Bodden sind Heimat von 48
Fischarten, unter anderem Blei, Plötze, Aal, Flussbarsch, Zander
und Hecht. Auch Kegelrobben, Seehunde, Schweinswale, Hirsche,
Wildschweine, Fischotter, Mufflons, Zwerg- und Fledermausarten
sind anzutreffen.
Seebrücke Zingst
Auf der Halbinsel Zingst fahren
wir nun bis in ihren namensgebenden Hauptort, der zwischen
Ostsee und Bodden liegt. Dieser entstand im Jahr 1817 durch eine
Zusammenlegung der drei Siedlungen Hanshagen, Pahlen und Rothem
Haus. Selbst bereits im 13. Jahrhundert von den Rügen- bzw.
Pommernfürsten urkundlich erwähnt, wurde nach Holz- und
Torffabbau sowie etwas Fischerei/Landwirtschaft die Schifffahrt
nach der Schwedenzeit zum dominierenden Gewerbe, denn Zingst
verfügte nach den Hansestädten Stralsund und Barth ab 1815 über
die meisten Segelschiffe in der jetzt preußischen Region – um
1880 wohnten über 80 Kapitäne hier – bevor um diesen Zeitpunkt
das Badewesen Einzug hielt.
Heute existiert hier im Ostseeheilbad Zingst einerseits das
quirlige Badeleben mit vielen Läden, Hotels und Restaurants.
Kulturell voran steht Zingst jedes Jahr für das renommierte
Umweltfotofestival „Horizonte“ und das Darßer Naturfilmfestival
sowie die Zingster Klaviertage und die Kunstmagistrale. Der
Deich ist ein El Dorado für flanierende Fußgänger und Radler.
Andererseits gibt es hier aber auch ganz entspannte, etwas
abseits liegende Ortsteile wie Müggenburg oder die ruhigen,
naturnahen Campingplätze. Das einzige Regenmoor
Mecklenburg-Vorpommerns befindet sich im ausgedehnten Osterwald,
wo 1955 sogar Mammutbäume angesiedelt wurden und mit etwas Glück
Waldkauz, Sumpfohreule und Baummarder beobachtet werden können.
Die sich östlich daran anschließenden Sundischen Wiesen, ein
renaturiertes Heide- und Feuchtwiesengebiet, gehören bereits zur
Schutzzone I des Nationalparks für die Küstenvögel. In Pramort
an der Ostspitze der Halbinsel gibt es einen wichtigsten
Kranichbeobachtungspunkt.
Nach einem kurzen Halt am Hafen, in dem wir einige der bekannten
Zeesboote mit den braunen Segeln bewundern, fahren wir durch den
Ort an die neue Seebrücke. Ihr Vorgängerbau, ein Steg, war
bereits 1947 aufgrund von Sturm und Eisgang abbruchreif
geworden. Die neue Brücke wurde im Mai 1993 am Hauptübergang
neben dem Kurhaus eingeweiht, ist 270 Meter lang und 2,50 Meter
breit. Wir genießen eine Bratwurst, Fredy zeigt sich von Brücke
und Ostsee begeistert und ich bin froh, dass wir oder besser
gesagt: unsere Region ihm im Ausgleich reichlich etwas zu bieten
haben, da er von uns so sehr als Modell gestresst wird.
Prerow
Prerow (slawisch: „Graben“, „Durchbruch“)
als Hauptort der Halbinsel Darß ist ein traditionelles
Seefahrer- und Fischerdorf, welches nach dem gleichnamigen
Prerow-Strom benannt ist. Dieser bildet bereits seit dem 14.
Jahrhundert eine wichtige Wasserstraße zwischen Barth/Bodstedter
Bodden und Ostsee. Die Menschen lebten hier unter schwedischer
Lehnsherrschaft von der Landwirtschaft, später von der
Segelschifffahrt. Nach der schweren Ostseesturmflut von 1872,
die ganz Prerow überschwemmte, wurde der Strom geschlossen.
Auch hier entwickelte sich im 19. Jahrhundert zunehmend der Badetourismus, welcher heute wichtigster Erwerbszweig ist. Einmal sollte man durch Prerow gefahren sein, meint Bernd. Wir folgen ihm bis auf einen Parkplatz im Ort, erfreuen uns an den traditionellen, reetgedeckten Häusern mit den berühmten bunten Haustüren und marschieren vor zum Wasser. Es rentiert sich selbst mit den Motorradstiefeln, obschon hier sonst eher Badekleidung angesagt ist.
Wieck
Der kleine, staatlich anerkannte Erholungsort Wieck
(niederdeutsch: „Bucht“) am Darß (a.D.), in den uns die Route
als nächstes führt, fand seine erste Erwähnung in der wichtigen
Schwedischen Matrikelkarte von Vorpommern und Rügen aus den
Jahren 1692/96. Traurige Bekanntheit erlangte Wieck 1941 durch
ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg.
Durch seine direkte Lage am Bodstedter Bodden lässt sich hier
die Einzigartigkeit und Ruhe der Boddenlandschaft entspannt
genießen.
Durch Wieck und auch das folgende Born rollen wir nur langsam
und lassen unseren Gast die wunderbaren, alle Wege säumenden
alten Katen bestaunen. Bernd wird uns nachher beim Mittagsimbiss
noch einen kleinen, höchst interessanten Vortrag über die
hiesige ertragreiche und aus diesem Grund weit unterschätze
Landwirtschaft halten.
Born
Born (slawisch: „Föhrenwald“) am Darß gilt als
schönstes der Darßer Boddendörfer, da es sein ursprüngliches
ausgewogenes Erscheinungsbild bis heute weitgehend bewahren
konnte. Entlang des Koppelstroms zwischen Bodstedter und Saaler
Bodden zieht sich der Ort als Mix aus ehemaligem Bauern-,
Fischer- und Seefahrerdorf.
So ganz allmählich stellt sich Hunger ein und ich ziehe es doch
vor, unsere Akteure hier zu einer kleinen Mittagsmahlzeit –
Fisch, versteht sich – einzuladen. Am Wegesrand bietet sich dazu
ein historisches Bauwerk bestens an: Die MÜHLE (Nordstraße 25 ,
18375 Born/Darß). Eine weitere Empfehlung für diesen Ort ist
auch das Café TonArt (Chausseestraße 58, 18375 Born/Darß).
Ahrenshoop
Nicht weit nach der Ortseinfahrt steuern
wir hier rechts ab in den Strandweg 1 zum Kunstkaten Ahrenshoop.
Obwohl wir nur davorstehen, nicht hineingehen und daher zusammen
mit den Motorrädern natürlich etwas skeptisch beäugt werden, ist
dieses bekannte, wunderschön blaue Ausstellungs- und
Veranstaltungshaus allemal einen Halt wert. Man sollte dort
gewesen sein.
Das alte Ahrneshop, ein bedeutender Handelsplatz mit bis zu 500
Einwohnern, lag etwas nordöstlicher an einem ehemaligen
Meeresarm, dem Loop. Ende des 14. Jahrhunderts zerstörten 1.000
Mann aus Rostock jedoch den Seehafen, da die Patrizier ihre
Handelsprivilegien gefährdet sahen. Der Loop wurde „verdämmt“
und die Zollstation südlicher an die direkte Grenze zwischen
Pommern und Mecklenburg versetzt. Hier wuchs der neue Ort ab
1760 durch Schiffer und Fischer schnell an.
Ahrenshoop ist heutzutage der Künstlerort des Fischlandes, der
sich sein malerisches Aussehen bis heute bewahren konnte. Ende
des 19. Jahrhunderts entstand hier auf Initiative des Malers
Paul Müller-Kaempff eine bekannte Künstlerkolonie. Viele
Ateliers und der Kunstkaten als Ausstellungsraum für die
Mitglieder der Kolonie wurden ins Leben gerufen.
Nach den zahlreichen Künstlern begeisterten sich auch bald die
ersten Badegäste an der Unberührtheit der wunderschönen Natur.
Steilküste – wie das 18 Meter hohe Hohe Ufer, eine
Kliffranddüne, an der Uferschwalben nisten – und flache Ufer,
weite Boddenwiesen und der Küstenwald Ahrenshooper Holz mit
Stechpalmenpopulation, offene Ostsee und der Saaler Bodden im
Hinterland bestimmen die dynamische, urwüchsige Landschaft,
welche überdies noch von natürlichen Küstenausgleichsprozesse
begleitet sind.
Wustrow
Anschließend geht es weiter voran bis nach
Wustrow (slawisch: „umflossener Ort“ bzw. „Ort auf der Insel“).
Dort angekommen, biegen wir gleich rechts auf den Parkplatz
einer Motorradbude ab, die bis nach Stralsund insbesondere für
ihre Oldtimer bekannt ist (Krull und Söhne, Nationalpark
Vorpommersche Boddenlandschaft, Ernst-Thälmann-Straße 41B, 18347
Wustrow). „Bude“ mag man hier eigentlich gar nicht sagen, denn
man ist dort selten gut aufgeräumt und bestens sortiert mit
angeschlossener BMW-Werkstatt, die sogar Kundendienst etc.
anbietet. Und die alten Maschinen, die hier stehen, sind einfach
zum Verlieben! Aber heute ist kein Tag dafür, wir gehen nur kurz
hindurch – es ist einfach zu heiß.
Wustrows Ortskern erhielt seit 1991 eine gründliche Sanierung. Neue Hotels und zahlreiche Ferienhäuser wurden errichtet und im Jahr 1993 die Seebrücke gebaut. Das Dorf besitzt eine imposante, 18 Meter hohe Kirche mit herrlichem Rundblick, die den damals dort lebenden Fischern und Seefahrern ab 1873 als Seezeichen den Weg wies. In Wustrow stand von 1846-1992 auch die Seefahrts-Hochschule. Alte Alleen mit hundertjährigen Linden, üppige Bauerngärten, historische Kapitäns- und niederdeutsche Hallenhäuser (in Barnstorf) sowie neuere Gebäude gehen außerdem eine gelungene Synthese ein. Was dieses Ostseebad besonders ausmacht, ist das unmittelbare Nebeneinander der gegensätzlichen Küstenformen: der weitläufige Sandstrand mit toller 230-Meter-Seebrücke auf der raueren Meerseite und die sanfte Boddenlandschaft mit Schilfgürteln und saftigen Wiesen andererseits. Auf nicht ganz legale Weise fahren wir mit unseren Motorrädern wieder einmal direkt bis vor ans Wasser, um die besten Motive auf die Bildhintergründe zu bannen. Mit ein paar netten Worten und mit Bedacht hinweisend auf die Anwerbung neuer Gäste gibt sich dann aber auch der Hafenmeister zufrieden. Für einen leckeren Fischimbiss – auch zum Mitnehmen – empfehlen wir hier am Ortsausgang auf der linken Seite direkt an der Straße Eckhard Hauers Fischverkauf (Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, Ernst-Thälmann-Straße 8, 18347 Wustrow).
Ribnitz
Uns schon auf dem Rückweg befindend, machen
wir verdient in der Marktbäckerei Hornung (Lange Straße 54,
18311 Ribnitz-Damgarten) in Ribnitz Halt. Sehr schnell kommen
wir dort mit den Mitarbeitern ins Gespräch, die unsere
Motorräder bestaunen und sich wissbegierig nach unserem Anliegen
erkundigen. Wir bekommen auf jeden Fall schnell und äußerst
freundlich sehr gute Ware serviert – eine prima
Empfehlung. Sehenswert in der Stadt Ribnitz (ehemals Rybanis,
Ryba bedeutet „Fisch“) sind die 1233 errichtete Ribnitzer
Marienkirche und das Klarissenkloster von 1323/34. Unter
kulturell-historischen Aspekten sind besonders zwei Dinge
empfehlenswert: Das Deutsche Bernsteinmuseum im Dominahaus des
ehemaligen Damenstifts St. Klaren vermittelt einen Einblick in
die Natur-, Kunst- und Kulturgeschichte des Baltischen
Bernsteins. Für das Freilichtmuseum Klockenhagen dagegen wurden
seit 1973 auf sechs Hektar mittlerweile 20 Beispiele ländlichen
Bauens aus den letzten 300 Jahren an ihren ursprünglichen 18
Orten abgetragen und hier wieder aufgebaut. Sie beinhalten
zusammen mit Feldern, Gärten und Tieren Schauräume und
Ausstellungen. An dieser Stelle können wir bereits sagen, dass
wir alles, was wir auf dieser Tour erreichen wollten, super
geschafft und erledigt haben. Ein besonderer Dank dabei gilt
Bernd, der prima fährt, und unserem Hotelgast Fredy, der alles
mitmacht.
Zurück ins BASECAMP OSTSEE TOURER nach Stralsund
Südlich der B 105 donnern wir nun im wahrsten Sinne des
Wortes über das flache Land, vorbei an Marlow zurück in Richtung
Stralsund. Dort haben wir seit Frühjahr 2017 das „BaseCamp
OstseeTourer“, eine Unternehmung des Altstadt Hotels zur Post
Stralsund, eingerichtet. Unter diesem Dachnamen vereinen wir nun
unser Engagement zum Ausbau des Motorradtourismus in unserer
Region. Die Hotel-Arrangements für Motorradfahrer sowie das
angebotene Touren-Segment wurden stark erweitert, und neben der
„MOTOBIKE-AREA“ in der Hotelgarage organisiert das BaseCamp
Stralsund auch viele weitere Aktivitäten rund um die geliebten
zweirädrigen Maschinen. Trotz Stalldrangs machen wir jetzt
allerdings noch kurz Halt bei Semlow vor dem Schloss Schlemmin –
der bedeutendsten Anlage Vorpommerns im Tudor-/Neogotik-Stil und
heute Hotel –, um dort einige Fotoaufnahmen zu machen. Natürlich
beklagt sich Addi jetzt wieder einmal über die nicht mehr
ausreichend vorhandene Sonne. Doch, auch wie immer, sollen die
Bilder trotzdem mehr als ganz gut werden. Von hier geht es nun
auf direktem Wege – zugegebenermaßen ohne Kurven, doch, wie wir
es uns jeweils vornehmen,weiterhin nur auf den Kreisstraßen –
bis nach Hause ins Hotel. Angekommen in der „MOTOBIKE-AREA“
klatschen wir ab, freuen uns über die gelungene Tour und gönnen
uns ein frisch gekühltes Stiefelbier aus dem Biker-Kühlschrank.
Nach einem guten Abendessen im Hotelrestaurant gehen wir noch
eine kleine Runde um die Häuser und verabschieden mit diesem
Abend gleichzeitig unseren neu gewonnenen Freund Fredy mit den
besten Empfehlungen in die Schweiz.